Massnahmen

Kolumne von Andreas Thiel, erschienen in der Weltwoche Ausgabe 16/2020

 

Patient: Guten Tag, ich...

 

Praxishilfe: Bitte nehmen Sie eine Schutzmaske aus der Schachtel mit den frischen Schutzmasken, binden sich diese um, desinfizieren sich die Hände, nehmen einen desinfizierten Kugelschreiber, unterschreiben dieses Formular, mit welchem Sie erklären, dass Sie weder Träger des Coronavirus sind noch einen Träger kennen. Dann legen Sie den gebrauchten Kugelschreiber in die Schachtel mit den gebrauchten Kugelschreibern...

 

Patient: Aber ich bin doch hier, um...

 

Praxishilfe: Sprechen Sie lauter. Durch die Schutzmaske versteht man Sie so schlecht.

 

Patient: Ich fühle mich etwas...

 

Praxishilfe: Kommen Sie näher, und sprechen Sie neben der Plexiglasscheibe durch, damit ich Sie verstehen kann.

 

Patient: Ich habe mich vielleicht...

 

Praxishilfe: Heben Sie ihre Schutzmaske etwas an. Ich verstehe kein Wort.

 

Patient: Ich wollte abklären, ob...

 

Praxishilfe: Nicht ins Gesicht fassen!

 

Patient: Wie soll ich die Schutzmaske anheben, ohne...

 

Praxishilfe: Jetzt haben Sie mich beim Sprechen angespuckt!

 

Patient: Die Schutzmaske ist so feucht...

 

Praxishilfe: Mein Gott! Da hat jemand eine gebrauchte Schutzmaske in die Schachtel mit den frischen Schutzmasken gelegt. Hoffentlich werden Sie jetzt nicht krank!

 

Patient: Aber ich bin doch bereits krank und möchte mich auf das Coronavirus testen lassen.

 

Praxishilfe: Sie vermuten, Sie könnten Träger des Coronavirus sein?

 

Patient: Um das herauszufinden, bin ich hier.

 

Praxishilfe: Bitte verlassen Sie umgehend die Praxis. Wenn herauskommt, dass hier ein Patient war, der vielleicht mit dem Coronavirus infiziert ist, müssen wir die Praxis schliessen und werden unter Quarantäne gestellt. Und wer kümmert sich dann um die Patienten?

Kopfrechnen

Kolumne von Andreas Thiel, erschienen in der Weltwoche Ausgabe 15/2020

 

 

Berset: Bitte seien Sie etwas sparsamer mit dem Desinfektionsmittel. Es wird langsam knapp. Und ich weiss nicht, wie lange die Epidemie noch dauert.

 

Putzfrau: Wenn ich weniger Desinfektionsmittel nehme, dauert es länger, bis ich Ihr Büro geputzt habe. Und dann bleibt Ihnen weniger Zeit zum Arbeiten. Und wenn Sie weniger arbeiten, dauert es noch länger, bis Sie die Epidemie beendet haben.

 

Berset: Ich kann doch die Epidemie nicht selber beenden. Eine Epidemie ist vorbei, sobald die Bevölkerung einen Durchseuchungsgrad zwischen 60 und 80% erreicht hat.

 

Putzfrau: 60 bis 80% der Schweizer Bevölkerung? Das sind ja 5 bis 7 Millionen! Da sorgen Sie doch hoffentlich dafür, dass sich die Leute so schnell wie möglich anstecken. Sonst dauert die Epidemie ja ewig.

 

Berset: Da sieht man mal, weshalb ich Bundesrat geworden bin, und Sie Putzfrau. Wir müssen die Ansteckungskurve doch gerade flach halten, damit wir nicht riskieren, zu wenig Spitalplätze für Intensivpatienten zu haben. Deshalb haben wir die Notstandsgesetze erlassen, damit sich die Leute eben nur ganz langsam anstecken!

 

Putzfrau: Ist eine flache Kurve denn nicht umso länger?

 

Berset: Die Länge der Kurve interessiert doch niemanden! Sie darf nur nie so hoch werden, dass uns die Spitalbetten ausgehen.

 

Putzfrau: Wie flach verläuft denn die Kurve jetzt?

 

Berset: Täglich werden ca. 1'000 Menschen positiv getestet. Aber wir rechnen mit einer Dunkelziffer von einem Faktor 6.

 

Putzfrau: Das wären dann 7'000 Fälle täglich. Das heisst, wenn Sie die Kurve weiterhin so flach halten, vergehen 2 oder 3 Jahre, bis Sie eine Durchseuchung von 60 bis 80% erreichen. Und so lange werden Sie die Notstandsgesetze aufrechterhalten müssen. Wissen das die Leute?

 

Berset: Äh, nein. Wie kommen Sie auf diese Zahl?

 

Putzfrau: Die habe ich im Kopf ausgerechnet. Rechnen Sie nie im Kopf nach?

 

Berset: Nein. Dazu haben wir Experten.

Feind innen

Kolumne von Andreas Thiel, erschienen in der Weltwoche Ausgabe 14/2020

 

Li Kequiang: Wir sind die letzte mächtige kommunistische Partei. Sonst herrscht fast überall Demokratie.

 

Xi Jinping: Aber die Demokratien haben eine grosse Schwachstelle.

 

Li Kequiang: Und die wäre?

 

Xi Jinping: Ihre Regierungen.

 

Li Kequiang: Wieso?

 

Xi Jinping: Auch demokratisch gewählte Regierungen träumen von mehr Macht. Sie müssen sich ständig von Stimmbürgern dreinreden und von Wählern austauschen lassen.

 

Li Kequiang: Das ist doch kein Regieren!

 

Xi Jinping: Genau. Der Fehler der Sowjets war, dass sie mit ihrer Propaganda versuchten, die Bürger der Demokratien vom Kommunismus zu überzeugen. Das hat nicht funktioniert. Deshalb setzen wir dort an, wo der natürliche innere Feind jeder Demokratie sitzt.

 

Li Kequiang: Wo?

 

Xi Jinping: In der Regierung. Ich habe unseren westlichen Kollegen ein Konzept präsentiert, wie sie über Nacht die totale Macht erringen können. Zuerst müssen sie ein striktes Versammlungsverbot durchsetzen, denn wer über elektronische Medien kommuniziert, ist leichter zu kontrollieren, als wer sich frei versammelt. Und dann müssen sie die freie Marktwirtschaft aussetzen, damit alle vom Staat abhängig werden. Wer vom Staat abhängig ist, lehnt sich nicht gegen ihn auf. Und dann müssen sie das Bildungssystem runterfahren...

 

Li Kequiang: Wie soll man auf demokratischem Wege so etwas durchsetzen?

 

Xi Jinping: Indem man das Kriegsrecht ausruft.

 

Li Kequiang: Aber im Westen ist doch weit und breit kein Feind in Sicht.

 

Xi Jinping: Wir geben ihnen einen Feind, der so klein ist, dass man ihn nicht sieht.

 

Sekretär: Entschuldigung, wenn ich unterbreche, eben kommt eine weitere E-Mail, diesmal aus der Schweiz. Eine gewisse Frau Sommaruga und ein Herr Berset sind ebenfalls sehr interessiert an unserem Konzept.

Kafka

Kolumne von Andreas Thiel, erschienen in der Weltwoche Ausgabe 13/2020

 

Richter: Sie sind wegen Einbruchs und versuchten Mordes angeklagt!

 

Rentner: Ich bin in das Pflegeheim eingebrochen, wo meine Frau seit Wochen isoliert war, um ihr Gesellschaft zu leisten.

 

Richter: Sie sehen aber ein, dass Sie damit das Leben ihrer Frau gefährdet haben?

 

Rentner: Ich bin froh, dass ich sie noch einmal gesehen habe, denn sie ist noch während meiner Untersuchungshaft gestorben.

 

Richter: An der Grippe?

 

Rentner: An Einsamkeit.

 

Richter: Trotzdem haben Sie sich in einer Notsituation nicht an die Weisungen des Bundesrats gehalten! Das wird mit drei Jahren Freiheitsentzug bestraft. Der Nächste? Aha, es handelt sich um eine junge Frau. Sie werden der mehrfachen, versuchten, fahrlässigen Tötung bezichtigt.

 

Mutter: Ich war bloss mit meinen Kindern einkaufen.

 

Richter: Sie wissen aber, dass das strafbar ist?

 

Mutter: Was hätte ich tun sollen? Früher, als das erlaubt gewesen wäre, ging ich noch alleine einkaufen, während die Kinder im Schwimmunterricht, in der Waldspielgruppe und im Kindergarten waren. Aber das wurde ja alles verboten. Also musste ich doch die Kinder mitnehmen.

 

Richter: Unglaublich, wie uneinsichtig junge Delinquentinnen heutzutage sind! Und Sie? Sie haben nicht nur illegal Ihr Seniorenheim, sondern auch gleich noch das Land zu verlassen!

 

Rentnerin: Ich wollte schauen, ob es im Elsass noch Toilettenpapier gibt.

 

Richter: Dafür muss ich Sie bestrafen! Und was ist mit Ihnen? Hier steht, Sie haben die Vertragsfreiheit zerstört, das Recht auf Bildung abgeschafft und alle Bürger ihrer Freiheit beraubt. So etwas habe ich ja noch nie gehört. Da müssten Sie ja Diktatorin gewesen sein.

 

Sommaruga: Ich war Bundesrätin.

 

Richter: Hier steht, Sie sind Verwaltungsrätin bei Zalando.

 

Sommaruga: Ja, nachdem alles aus dem Ruder gelaufen war, hat mir Zalando diesen Posten angeboten.

Fussballfieber

Kolumne von Andreas Thiel, erschienen in der Weltwoche Ausgabe 11/2020

 

Sportkommentator: ...der italienische Stürmer hustet. Der deutsche Torhüter weicht aus. Schuss aufs Tor und... Nein, der Schiedsrichter pfeift ab. Sanitäter messen die Temperatur des italienischen Stürmers. Sie scheint normal zu sein. Also Freistoss für... Der Schiedsrichter konsultiert den Video-Assistenten. Der italienische Stürmer hat den Sicherheitsabstand von zwei Metern gegenüber dem Torhüter unterschritten. Das müsste Rote Karte geben! Der italienische Mannschaftskapitän kritisiert, der Abstand sei durch den deutschen Torhüter unterschritten worden, als dieser die Arme ausbreitete. Also Freistoss für die Italiener. Der Schiedsrichter mahnt die deutschen Verteidiger in der Mauer, den Abstand von zwei Metern untereinander einzuhalten. Der Freistoss wird abgewehrt, aber... Es war Handspiel! Im Strafraum! Elfmeter! Die Sanitäter kommen und desinfizieren den Ball. Der italienische Stürmer nimmt Anlauf... und hustet. Die Sanitäter scannen ihn erneut. Die Temperatur scheint nun doch grenzwertig zu sein. Er muss ausgewechselt werden. Ein Ersatzspieler legt den Schutzanzug ab. Jetzt Tumult auf der Tribüne! Ein Fussballfan scheint sich gewaltsam Zugang zum leeren Stadion verschafft zu haben. Er rennt durch die leeren Stuhlreihen, verfolgt von Polizisten in Schutzanzügen, springt über die Bande auf den braunen Rasen und rutscht aus. Der Rasen hat sehr gelitten unter der Desinfektion. Jetzt zieht sich der Fan aus! Und hustet! Ein infizierter Flitzer!? Der Schiedsrichter und die Spieler fliehen vom Platz in die Einzelkabinen im Quarantäne-Container. Der Flitzer schlägt auf dem braunen Rasen Haken und macht Luftsprünge. Der erste Verfolger kollabiert in seinem Schutzanzug. Die Sanitäter rennen mit dem Wärmescanner zu ihm hin. Es wird wohl etwas länger dauern, bis das Spiel fortgesetzt werden kann. Ich schlage vor, wir unterbrechen hier und schauen, was beim Handball läuft.

Killerviruskinder

Kolumne von Andreas Thiel, erschienen in der Weltwoche Ausgabe 12/2020

 

 

Prosaiker: Ich frage mich, was mehr Menschen tötet, die Grippe oder die bundesrätlichen Massnahmen.

 

Poet: Wen diese Grippe nicht tötet, den lähmt sie jetzt. Mir kommt Jesaja 13,21 in den Sinn: „Und ihre Häuser werden voller Eulen sein“.

 

Prosaiker: Dieser Satz macht doch keinen Sinn.

 

Poet: Genau deshalb kommt er mir in den Sinn.

 

Prosaiker: Die verzweifelte Weltverbesserungsaggressivität unserer Bundesrätinnen übersteigt jeden Messianismus.

 

Poet: Um zu verhindert, dass das Schiff womöglich im nächsten Sturm unkontrolliert kentert, versenkt der Bundesrat das Schiff und bittet alle Passagiere, in ihren Kabinen zu bleiben, bist er die Situation wieder im Griff hat.

 

Prosaiker: Moment, ich muss kurz eine Nachricht an meine Schwiegereltern schreiben: „Liebe Oma, lieber Opa, wir haben unsere Kinder getestet, sie sind nicht infiziert. Deshalb würden wir sie gerne zu Euch in die Quarantäne geben. Seit die Schule geschlossen ist, komme ich zuhause mit dem Home-Office nicht mehr...“

 

Poet: Warum überlässt man das Problem mit dem neuen Virus nicht den Ärzten?

 

Prosaiker: Ärzte sind keine Ärzte mehr. Früher musste ein Arzt noch diagnostizieren. Heute teilt er dem Patienten nur noch mit, welche Diagnose das Analysegerät gegeben hat. In wenigen Jahren wird Arzt kein akademischer Beruf mehr sein, sondern eine zweijährige Zusatzlehre für Praxishilfen.

 

Poet: Keiner denkt an die Suizide wegen Depressionen infolge von Konkursen oder wenigstens an die Leberschäden, die in der Einsamkeit der Quarantäne entstehen können.

 

Prosaiker: Vielleicht führt die Quarantäne aber auch zu einem Babyboom.

 

Poet: Und die Boom-Generation nennen wir dann „Killerviruskinder“.

 

Prosaiker: Nennen wir sie Corona-Kinder.

 

Prosaiker: Erst regiert das Klima die Welt, dann eine Grippe aber niemals die Vernunft.

 

Poet: Müsste ich unserer Epoche eine Farbe geben, wäre sie Neongrau.

© Andreas Thiel 2020