Mittel gegen das Böse
Ich bin wieder mal auf Heimaturlaub in Bern, sitze im Adrianos vor einer Virgin Seabreeze und denke darüber nach, was aus mir wohl geworden wäre, wenn ich nicht Künstler geworden wäre. Das ist ein ausufernder Gedanke, das gebe ich zu, ich hätte ja alles mögliche werden können. Aber ich hatte mir als Kind schon sehr früh Gedanken darüber gemacht, was ich einmal werden wollte. Ich war in meiner Entwicklung zwar etwas zurückgeblieben, dafür in den Gedanken über meine Entwicklung den Anderen weit voraus. Weil mir nichts gescheites einfiel, bin ich Künstler geworden. Um Künstler werden zu können, braucht man nicht viel. Eigentlich genügt zum Anfangen ein schlechter Ruf. Als Künstler überlegt man sich dann dauernd, was man eigentlich machen soll. Als Künstler habe ich mir denn auch oft gedacht, ich bleibe einfach so lange Künstler, bis ich weiss, was ich machen soll. Heute denke ich oft, vielleicht bleibe ich auch einfach Künstler. Ich bestelle noch eine Virgin Seabreeze, schlage die Zeitung auf und blättere drin rum, bis ich eine freie Stelle finde, wo ich mir das alles notieren kann.
Endo Anaconda kommt rein. Er sieht furchtbar aus. Wie vom Leben gezeichnet. Oder von Picasso. Er beklagt sich darüber, dass er heute an einer Kaderversammlung der UBS spielen muss. Das Wort »Kaderversammlung« erinnert mich irgendwie an das Wort »Kadaversammlung«. Ich sage zu ihm: »Kaderversammlung klingt doch schön, da schwingt Arkade und Vers-Sammlung mit«. Er schaut melancholisch auf die Jugendstilzuckerdose und streichelt den runden Bauch des Kaffeelöffels. Melancholie ist Einsamkeit an einem schönen Ort. Nach dem ersten Schluck Espresso sagt er zu mir: »Es ist interessant, wie die Dinge, so wie wir sie früher angeschaut haben, später ganz anders aussehen.« Ich antworte: »Ja, das Leben ist voller wunderbarer Erkenntnisse. Neulich traf mich beispielsweise die erschütternde Erkenntnis, dass die Bekämpfung des Bösen ein paar Millionen Jahre länger dauern wird, als ich gedacht hatte.« ? »Warum?« ? »Die finanziellen Mittel sind mir ausgegangen.« Endo regt an, ich solle mich bei der Pro Helvetia melden und Kunstsubventionen beantragen. Aber ich mag keine subventionierte Kunst. Subventionierte Kunst ist, wenn sich Komiker auf Kosten des Publikums amüsieren. Wir einigen uns darauf, dass wir abwarten, bis das Parlament das Bundespräventionsgesetz verabschiedet hat. Dann schlagen wir eine nationale Präventionskampagne vor, die für uns den Kampf gegen das Böse übernimmt. Wir sind uns nur noch nicht einig, was auf den Flugblättern und Plakaten stehen soll. Ich bin für »Sei nicht böse«, Endo ist für »Sei mir nicht böse«.
© 2011 Andreas Thiel